Meinung: Citizenfour

“Citizenfour” ist der oscarprämierte Dokumentarfilm von Laura Poitras, der die Geschichte und Geschehnisse rund um Edward Snowden beleuchtet. Das Bildmaterial startet einige Wochen vor der Veröffentlichung durch den Guardian und begleitet sowohl Snowden als auch die Reporter Glenn Greenwald und Ewen MacAskill.

Ich bin mit dieser Review natürlich wahnsinnig hinter dem Trend, da der Film bereits in 2014 veröffentlicht wurde und ausreichend durch Kritiker, Medien und Gesellschaft besprochen wurde. Außerdem hatte ich mir zu Beginn dieses Blogs vorgenommen, keinerlei politische oder religiöse Inhalte hier zu posten, geschweige denn Stellung dazu zu beziehen. Dennoch möchte ich hier einige Zeilen über diese Film schreiben. Ich persönlich konnte den Film erst vergangene Woche sehen und habe seither schlicht das Bedürfnis meine Gedanken dazu zu teilen – und welchen besseren Ort als einen Blog würde es hierfür geben? 

Zugegeben, es ist verflucht schwierig sachlich an diesen Text heranzugehen. Zu Beginn steht man vor einer einzigen Frage und die Antwort auf diese Frage wird jeden Menschen zunächst emotional erwischen: “Ist es wahr?”. Es scheint, als könnte hier nur ein großes “Ja” stehen und unweigerlich wird mir flau im Magen, in Hinblick auf die Konsequenzen aus dieser Antwort. Für den Rest des Textes werde ich – auch weil es wenige Gegenargumente gibt – annehmen, dass es wahr ist.
Als nächstes erwischt einen die Frage nach der Moral: “War es richtig, was Snowden getan hat?”. “Ja”, sagen die Freiheitskämpfer, “Nein” sagen die “Regierungen” – oder zumindest ein Teil davon. Direkt in diesem Wust von Informationen, Anschuldigungen, Menschenrechtsverletzungen und so vielem mehr, was ich nicht aufzuzählen im Stande bin, sitze ich mit meiner einfachen Existenz. So wie mir wird es wahrscheinlich vielen, vielleicht allen, Menschen gehen, die feststellen, dass es nicht mehr zu begreifen ist. Mein moralischer Kompass ist auf so viele verschiedene Arten zerstört worden, dass ich längst vergessen habe wohin er mal gezeigt hat. Hat Sowden das Richtige getan? Ich denke, ja. Kann ich die Konsequenzen begreifen? Im Leben nicht. Wie wäre unsere Existenz ohne diese Enthüllung? Wäre die Welt sicherer? Vielleicht friedlicher? Wären wir schon lange in einer Datendiktatur in der wir uns jetzt auch befinden?

Es sind hunderte solcher Fragen, die mir durch den Kopf schießen und die natürlich nicht beantwortbar sind. Wir besitzen keine magische Glaskugel und können parallele Zeitstränge begutachten und bewerten. Wir können lediglich Schlüsse daraus ziehen und es beim nächsten Mal besser machen – die Geschichte zeigt, dass der Mensch dazu nur selten in der Lage war.
Doch zurück zu mir und meiner Existenz. Ich habe während der NSA Affäre – noch bevor der Film zu sehen war – oft mit Leuten darüber gesprochen und einige waren der Meinung, dass das Ausspähen keine große Sache sei, schließlich habe man nichts zu verbergen. Ich habe ebenfalls nichts zu verbergen, frage mich aber intensiv ob das ein akzeptables Argument ist. Ich möchte auch, dass Attentate verhindert werden, doch ist dies nur möglich, wenn alle Menschen potentielle Attentäter sind?

Mir fällt unweigerlich bei der NSA Affäre ein Vergleich ein, der das Gefühl, welches ich nicht im Stande bin zu beschreiben, zumindest umschreibt. Ich bin in einem Haushalt mit vielen Geschwistern groß geworden. Privatsphäre war etwas seltenes, insbesondere, weil meine Mutter keine verschlossenen Zimmertüren akzeptierte. Ich erinnere mich gut, dass es im Zimmer Orte gab, die nur demjenigen zustanden, dessen Zimmer es war. Dort verbarg man kleinere Geheimnisse, Tagebücher, Bilder oder was auch immer. Meine älteren Geschwister machten sich bei Zeiten einen Spaß daraus  so zu tun als hätten sie dort gestöbert oder gar im Tagebuch gelesen. Ich wusste schon damals, dass ich nichts zu verbergen hatte, wusste aber auch, dass es keine schlimmere Verletzung gab, als die Überschreitung dieser Grenze. Am Ende von “Citizenfour” hatte ich eben dieses Gefühl. Das Gefühl der ultimativen Verletzung, das überschreiten der Grenze.

Ich habe den Film per EC-Karte im Urlaub gekauft, im Wlan verbundenen Blueray Player des Ferienhauses angesehen, habe danach über meinen Laptop aktuelle NSA und Edward Snowden Infos gegoogelt und schreibe nun diesen Blogeintrag. Nach diesem Film und den aktuellen Erkenntnissen, ist es all zu sicher, dass dieses Wissen auf einem großen Server liegt, verbunden mit meinem Namen und ein Algorithmus entscheidet ob es potentiell gefährlich ist und mehr Daten gesammelt werden sollten. Nein, ich habe nichts zu verbergen, aber ich würde mich wünschen, dass man mir wenigstens den Schrank in meinem Zimmer lässt, in den ich einschließen darf, was ich möchte.

 

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